
Vier Fremdsprachen gelernt, darunter Latein und Altgriechisch, und dabei die mitteleuropäische Kultur mit ihrer Geschichte, Philosophie und Literatur verinnerlicht – der alte Humboldt hätte wohl seine Freude am Schüler Ulrich Reinartz gehabt. Gerade die Beschäftigung mit den alten Sprachen, sagt Reinartz heute, habe ihn als jungen Menschen in die Systematik des Lernens eingeführt, sein Gedächtnis geschult und ihm geholfen, Strukturen zu durchschauen. Was ihm auch beim Studium der Fächer Mathematik und Erdkunde zugute gekommen sei. Wer dann noch weiß, dass Ulrich Reinartz 17 Jahre lang Konrektor eines humanistischen Gymnasiums war, bevor er Leiter des gleichfalls alt ehrwürdigen Gymnasiums Eschweiler wurde, der könnte meinen: Hier sitzt ein Mann, für den das humboldtsche Bildungsideal das Maß aller Dinge ist. Stimmt das denn? Reinartz lächelt. Und sagt: „Ich hänge nicht am humanistischen Bildungsbegriff .“
Respekt, den hege er durchaus
gegenüber den Werten Wilhelm von
Humboldts, sagt der Schulleiter. Ein
Gymnasium, da habe der preußische
Reformer recht gehabt, habe mehr zu
vermitteln als rein nützliche Fertigkeiten,
nämlich grundlegende Kompetenzen,
die wiederum auf einem Fundament
soliden Fachwissens stünden. Und wenn
Kinder sich Bildung über die „Refl exionssprache“
Latein aneignen wollten, dann müsse das erlaubt
sein. Allerdings sei er, Reinartz, immer schon pragmatisch
mit den Dingen umgegangen – so, als er
als kommissarischer Leiter des humanistischen
Gymnasiums das Fach Altgriechisch abschaff te,
das ohnehin nur noch ein Nischendasein fristete.
„Das Gymnasium muss sich weiterentwickeln“,
sagt Reinartz, „ich will ja nichts isoliert hochhalten,
was nirgends mehr nachgefragt wird“.
Auch bei der Erziehung setzt Reinartz andere Akzente. Humboldt hatte seinerzeit staatliche Erziehung rundweg abgelehnt. Reinartz hingegen sieht Schule heute durchaus in der Pflicht, bei gravierenden Defiziten gegenzusteuern – etwa wenn es um das Thema Gewalt geht. Reinartz: „Wenn’s unseren Schülern hilft, dann ist das sinnvoll, und wenn sich Humboldt dabei im Grabe umdreht, dann soll er sich halt umdrehen.“
ANDREJ PRIBOSCHEK
Ulrich Reinartz ist seit 1998 Leiter des
Städtischen Gymnasiums Eschweiler.
Die Schule, 1848 gegründet, war
zunächst ein humanistisch geprägtes
Gymnasium. Heute gibt es dort unter
anderem einen bilingualen deutschenglischen
Zweig.
„Was liefert die Gegenwart, was brauchen unsere Schüler für die Zukunft?“, so klingt zeitgemäße gymnasiale Bildung bei Manfred Reimer. Ganz schön pragmatisch klingt der Schulleiter des Leibniz-Gymnasiums in Essen. Für Praktika können seine Schüler sich um Auslandsplätze bewerben und wer in Essen bleiben will, kann in der Partnerinstitution Messe Essen das Berufsleben kennen lernen. Ganz im Gegensatz zum allgemeinen Bildungs ideal Humboldts, der berufl iche Bildung völlig abgekoppelt von Allgemeinbildung gedacht hat. „Unsere Schule ist vernetzt mit der Gesellschaft“, sagt Reimer.
Deshalb sind Naturwissenschaften am Leibniz-
Gymnasium tief verankerte Unterrichtsfächer.
„Wir können es uns als Gesellschaft im internationalen
Wettbewerb nicht leisten, diesen
Bereich zu vernachlässigen.“ Altgriechisch,
das Lieblingsfach Humboldts,
gibt es in Essen zwar nicht. Vielfalt ist
ihm aber wichtig: „Die Persönlichkeit
soll in der Schule mit allen Aspekten
entfaltet werden“, sagt Reimer und damit
ist er doch ganz nah an Humboldts
Ideal. Ihm habe der freie Diskurs an der
Universität den Blick für neue Denkweisen
geöffnet. „Die Welt verstehen,
dabei hat mir die Philosophie Herbert
Marcuse’ und die Beschäftigung mit afrikanischer
Entwicklung geholfen“, sagt der Schulleiter. Und
sagt ganz im Sinne Humboldts: „Dazu können auch
alte Sprachen wie Latein und Griechisch und deren
kulturelle Geschichte ihren Beitrag leisten.“
Der Schulleiter ist überzeugt, nicht nur Kompetenzen, sondern ein Grundgerüst an Inhalten ist notwendig, um grundlegende menschliche Konflikte etwa zu Liebe, Hass und Freundschaft zu begreifen. Die Inhalte des Grundgerüsts müssten aber nah an den wirklichen Lebensverhältnissen sein. „Unsere Schule muss beispielsweise ausgleichen, dass das so genannte Bildungsbürgertum kleiner wird und es beispielsweise für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht selbstverständlich ist, ins Theater zu gehen.“ Und da treff en sich Reimer und der ehrwürdige Reformer. Denn auch Humboldt wollte, dass Menschen durch Bildung Normen entwickeln, nach denen sie ihr Leben organisieren können.
NINA BRAUN
Manfred Reimer ist seit 1993 Schulleiter
des Leibniz Gymnasiums in
Essen. Für ihre Förderpraxis und die
damit einhergehende Vermeidung des
Sitzenbleibens bekam die Schule
2007 das Gütesiegel Individuelle
Förderung verliehen.