Nach neuen sensationellen Studien benachteiligen Lehrer angeblich Kinder, die Kevin oder Chantal heißen. Ich wüsste nicht, wieso. Das sind doch ganz normale Namen! In meiner neuen Klasse habe ich eine Mona Lisa Klumpe, die Zwillingsbrüder Falk und Wolf, Daphne-Chloé, Linus-Leander und Finn-Odin. Dazu kommen Marvyn, Yanka-Nele, Sophinette und Fee-Nike. Und nicht zu vergessen: Amber, Angel und Kimberley. Völlig aus dem Rahmen fallen da bedauernswerte Schüler wie Christoph oder Veronika.
Störrische Standesbeamte weigern sich, Jesus als Zweitnamen für Mädchen zu dulden oder Benennungen wie Cola, Opel und Pumuckl, aber ansonsten lassen sie eine Menge durchgehen. Möchten Sie Nepomuk oder Thymian heißen?
Viele Schülernamen stammen aus der Pop-Musik: Eine Madonna habe ich zwar noch nicht in meiner Sammlung, aber jede Menge Roys, Ringos, Brians und Elvisse. Auch Varianten aus der ernsten Musik finden sich: Jutta-Tosca, Aida, Sonata, Kadriye oder Tuba. Anderen Fachgebieten sind Volkan (= Vulkan), Tayfun und Atom entsprungen. Bei türkischen Mädchennamen stieß ich auf Buket, Sultan und Kismet.
Im verzweifelten Bemühen, ihr einzigartiges Produkt möglichst unverwechselbar zu benennen, suchen Eltern nicht nur in religiösen Quellen nach Noahs, Balthazars, Lakshmis und Cosma Shivas, sondern auch in alten Sagen. Dann heißt der hoffnungsvolle Nachwuchs Kassandra, Minerva, Kleopatra (mit Nachnamen: Pratzschwitz), Ariadne, Ismene und Aphrodite.
Besonders gefallen mir Varianten, bei denen man merkt, dass sich die ganze Familie Mühe gegeben hat: Cemal-Kemal, Joey-Blue, Nando-Orlando, Jennifer Jennings oder Buster Busch. Das klingt wie eine schöne Melodie! Ein poetisches Meisterwerk ist auch die Benennung der vier Schwestern Jara, Dara, Mara und Lara!
Fernweh und Sehnsucht nach Exotischem brechen sich ungehemmt Bahn. Jedoch haben manche Eltern dabei keine glückliche Hand. Pech, wenn sie nicht wissen, dass französische Namen wie Madlen, Jakkeline, Mories und Schanett sich ein ganz klein wenig anders schreiben. Pech, wenn Mädchen mit russischen Männernamen herumlaufen müssen: Kolja, Nikita und Wanja.
Manchmal taucht der originelle Vorname, den kreative Eltern gefunden haben, als Massenepidemie auf, je nachdem, wie beliebt der Schauspieler oder die Sängerin waren. Dann heben immer gleich drei Brads oder Angelinas den Kopf, wenn der Lehrer ruft. Eltern müssten verpflichtet werden, bei der Geburt ihres Kindes ein Sparbuch anzulegen, damit sich der Sprössling später notfalls umtaufen lassen kann...
Nachdem ich nun zwei Jahre lang eine Sanella, eine Birke und eine Savannah unterrichten durfte, habe ich mir selber ein paar hübsche Varianten überlegt und stelle sie Ihnen gegen ein kleines Entgelt gerne zur Verfügung. Für eine Tochter eignen sich: Polka, Mazurka, Nivea, Nugat, Koralle, Mortadella, Lawine, Tundra, Taiga oder Kettensäge. Für einen Sohn empfehle ich Parmesan, Spagat, Balkon, Hurrikan, Krokant, Brikett, Filet, Karneval, Katapult, Persil, Diamant oder Gulasch.
Aus Gründen des Datenund Persönlichkeitsschutzes habe ich natürlich die Doppelnamen und Nachnamen im Text klanglich verfremdet, ihre phonetische Einzigartigkeit jedoch zu wahren gewusst!
Gabriele Frydrych ist
Lehrerin in Berlin. Die
Eindrücke, die sie in den
verschiedenen Schulen,
Klassen und Kollegien
gewann, hält sie seit
einigen Jahren in ironischen
Texten fest, die in
diversen Zeitungen und
Zeitschriften erschienen
sind. Ihr erstes Buch
heißt »Du hast es gut! -
Aberwitz im Schulalltag«,
ihr zweites Buch trägt den
Titel: »Dafür hast du also
Zeit! - Wenn Lehrer zu
viel Spaß haben«.