
Forum Schule: Stellen Sie sich vor: Wir haben das Jahr 2020. Wie sehen die Klassenzimmer aus?
Olaf Kleinschmidt: Es gibt keine Klassenzimmer mehr, sondern eine off en strukturierbare Umgebung wie in einer Bibliothek. In dieser Umgebung gibt es interaktive Arbeitsplätze, Lesearbeitsplätze und Computerarbeitsplätze. An der Wand hängt statt der Tafel ein Whiteboard, es gibt aber durchaus noch Bücher, Stifte und Papier.
Forum Schule: Wie würde der Unterricht aussehen?
Kleinschmidt: Aus der Hirnforschung wissen wir, dass still sitzen und nur dem Lehrer zuhören, keine idealen Bedingungen sind, um zu lernen. Der Lehrer hätte die Aufgabe, das Lernen in einer offenen Umgebung in Phasen zu strukturieren. Mit Hilfe von Elektronik geht das am Besten. Die digita le Technik ist ein Hilfsmittel, um selbstbestimmt zu lernen.
Forum Schule: Was wäre daran vorteilhaft, wenn alle Schüler mit Rechnern und Lehrer mit Whiteboards arbeiten würden?
Kleinschmidt: Lernen 2.0 bedeutet, das Internet zu nutzen, um individuell und gemeinsam neues Wissen zu kreieren. In einer technisch gut ausgestatteten Schule ersetzt das Whiteboard die Tafel, die Schüler sind mit ihren Tablet PCs, also mit Computern, die mit einem Stift bedienbar sind, untereinander und mit dem Computer des Lehrers per wireless LAN verbunden. Lehrer können anhand des Programms den Leistungsstand eines Schülers erkennen und gezielt eingreifen, denn er sieht immer, was ein Schüler wie gerade arbeitet. Der Schüler kann eigenständig und eigen verantwortlich arbeiten und bekommt durch das Programm sofort Rückmeldungen zu seinen Ergebnissen.
Forum Schule: Was bedeutet das für die Lehrer?
Kleinschmidt: Einfach nur Laptops in eine Klasse zu stellen und weiter zu machen wie vorher, kann nicht funktionieren. Denn im Frontalunterricht sucht sich das Gehirn Fluchtmöglichkeiten und findet sie in dem Rechner. Lehrer müssen sich von dieser Idee verabschieden. Auch das Tafelbild als Kontrolle der Lernergebnisse aller hat ausgedient. Die Möglichkeiten von IT-Technik zu nutzen heißt dagegen, den Content, also die im Computer hergestellten Inhalte wie Bilder, Texte und Grafiken, immer wieder abrufen zu können. Der Lehrer steht selber nicht mehr ständig im Fokus des Unterrichts. Das entlastet und lässt Freiraum dafür, sich um einzelne Schüler zu kümmern.
Forum Schule: Sie haben in Zusammenarbeit mit der Universität Magdeburg Grundschulen in Sachsen-Anhalt mit Netbooks ausgerüstet. Wie sind die Erfahrungen dort bisher?
Kleinschmidt: Sehr gut. Die Schüler wollen diese neue Methode. Ich sehe das daran, dass wir beispielsweise auch Geräte verliehen haben und sie immer unversehrt wiederbekamen. Im Unterricht kommunizieren die Kinder viel mehr untereinander und arbeiten engagierter, weil sie sich selber strukturieren können.
Forum Schule: Der Weg dahin für alle scheint noch weit zu sein.
Kleinschmidt: Deutsche Schulen sind zurzeit noch Schlusslicht bei der technischen Ausstattung. Die Schulen und die Lehrer müssten sich eigenständig dafür entscheiden und es müssten Mittel dafür vorhanden sein. Wobei das in den Grundschulen in Sachsen-Anhalt, in denen wir gerade den Versuch mit Netbooks durchführen, kein großes Thema ist. Umgerechnet auf vier Jahre kostet heute ein Netbook maximal zehn Euro im Monat.
NINA BRAUN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Microsoft-Gründer Bill Gates zeichneten den heute 46-jährigen Magdeburger Olaf Kleinschmidt 2008 als „IT-fi ttesten Lehrer Deutschlands" aus. Zurzeit ist der Physik-, Mathe- und Informatiklehrer vom Schuldienst beurlaubt. Er arbeitet an seiner Promotion zum Thema „Mobiler Unterricht - Grundlegende Methoden und Verfahren und deren technische Umsetzung" und berät Schulen in IT-Fragen. Kontakt: kleinschmidt@maxx2it.de
C3-Labs … sind Labore, in denen Schülern mittels der „Cyber-Classroom-Technologie“ komplexe, bisher nicht darstellbare Lerninhalte näher gebracht werden können. Im Mathematikunterricht lassen sich beispielsweise Punkte und Geraden im dreidimensionalen Raum betrachten. Mit der 3D-Videobrille „cinemizer“ können Lerninhalte auch außerhalb des Klassenzimmers nachgearbeitet werden.
Digitales Whiteboard … ist eine elektronische Tafel, die an einen Computer angeschlossen wird. Mit Hilfe eines Beamers werden Tafelbilder auf ihr abgebildet. Das digitale Whiteboard ähnelt der Benutzeroberfläche eines Computers. Es verfügt über die gleichen Funktionen wie ein Computer und lässt sich – je nach Modell – mit einer Maus, per Fingerdruck oder mit Spezialstiften bedienen.
Tablet PC … ist ein tragbarer Computer, der mit einem Stift bedienbar ist und unter anderem wie ein Notizblock verwendet werden kann. Eingaben können per Stift oder Finger direkt auf dem Bildschirm gemacht werden. Viele Tablet PCs sind mit einer speziellen Software zur Handschrifterkennung ausgestattet.
Content … ist der im Computer hergestellte, rein informative Inhalt einer Website. Dabei kann es sich um Bilder, aber auch um Texte und Grafiken handeln.
MDA-Geräte MDA steht für Mobile Digital Assistent. MDA-Geräte sind Mobiltelefone mit einem großen Display, die mit Computerfunktionen ausgestattet sind.
Netbook … sind klappbare Computer, die kleiner und preisgünstiger sind als übliche Notebooks, aber auch eine kleinere Rechenleistung haben.
WLAN (Wireless Local Area Network ) … ist ein drahtloses lokales Netzwerk, das ohne Kabelverbindungen arbeitet. Die Kommunikation funktioniert entweder mit Funkfrequenzen im Mikrowellenbereich oder per Infrarotlicht.
Zur neuen Technik im Unterricht auch: Seite 4 im didacta Spezial – Heft bitte wenden!