Franz van Beek kennt diese Blicke. Von Kollegen, wenn sie von benachbarten Schulen an seiner Schule zu Gast sind. Sie stehen dann mit off enem Mund da, schauen und können kaum glauben, was sie im Lehrerzimmer der Gustav-Adolf-Schule in Goch sehen: Jeder Lehrer hat dort seinen eigenen Arbeitsplatz, ein Konferenzraum ist flexibel durch eine faltbare Wand abtrennbar, insgesamt wirkt die helle, freundliche Atmosphäre eher, als stünde man in einem modernen Großraumbüro und nicht in einem Lehrerzimmer. Zumal mit dem „eigenen Arbeitsplatz“ für jeden der 22 Lehrer nicht etwa die üblichen anderthalb Meter Anteil am gemeinsamen Konferenztisch gemeint sind, die gerade so eben reichen, um sich mit den Ellenbogen nicht ins Gehege zu kommen. Nein, an der Hauptschule gilt die Lösung: pro Kollege ein Schreibtisch. Dazu hat jeder Lehrer auch noch einen eigenen Laptop samt persönlichem Internetzugang.

„Wenn Lehrer den ganzen Tag in der Schule sind, brauchen sie einen vernünftigen Arbeitsplatz“, meint Schulleiter Franz van Beek, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Seine Schule nahm den Einstieg in den erweiterten Ganztagsbetrieb zum Anlass, baulich umzurüsten. „Um unsere neue Mensa bauen zu können, musste der alte Verwaltungsbereich mit abgerissen werden“, erinnert sich van Beek. Das Kollegium hatte den Schulträger samt Bezirksregierung auf seiner Seite und durfte mit dem Architekten gemeinsam planen. So entstand vor gut einem Jahr das neue Lehrerzimmer, das mit seinen rund 210 Quadratmetern gut dreimal so groß wie ein normaler Klassenraum an der Schule ist.
Das landläufi geher schlechte Image von Großraumbüros hat die Planung nicht beeinträchtigt. „Die Idee dazu entstand gemeinsam im Kollegium“, so van Beek. „Und abgesehen mal vielleicht von den Pausen ist es ja nie so, dass immer alle Kollegen gleichzeitig im Lehrerzimmer sind.“ Manchmal säßen auch nur zwei Lehrer hier. Von störender Unruhe also keine Spur. Es lasse sich gut arbeiten. „Die Kollegen fühlen sich sehr wohl“, sagt van Beek. „Unser Lehrerzimmer fördert die Kommunikation, weil sich die Kollegen immer wieder sehen.“ Quasi im Vorbeilaufen funktioniert also die immer öfter geforderte Teamarbeit. Zumal es im Konferenzbereich des Großraums einen langen Tisch gibt, an den sich Arbeitsgruppen zurückziehen können.
Der Kölner Zukunftsforscher Klaus Burmeister
sieht in Team- und Projektarbeit einen Schlüssel
für künftiges Arbeiten von Lehrern. Hier sei das
moderne Berufs- und Gesellschaftsleben in vielen
Punkten dem Schulbetrieb voraus. „Wir reden
heute schon überall von Communities und von
Open-Innovation-Prozessen“, sagt der Geschäftsführer
der Zukunftsforschungsagentur Z_punkt.
In solchen Projekt-Gemeinschaften, sagt Burmeister,
komme es darauf an, dass Spezialisten kooperativ,
fachübergreifend und arbeitsteilig zusammenarbeiten.
Dieser Entwicklung könne sich eine
Schule nicht verschließen, weder im Unterricht
selbst noch in der Unterrichtsvorbereitung. Das
Thema „Klimawandel“ beispielweise sei geeignet,
um es im Lehrerteam zu planen und anzugehen.
„Klimawandel beinhaltet schließlich die naturwissenschaftliche
Komponente genauso wie wirtschaftliche,
ethische und natürlich
auch politische Fragestellungen“, erklärt
Burmeister.
Es ist zweifellos ein Glücksfall, wenn Teamwork und Arbeitsteilung durch großzügige Umbauten wie an der Gocher Gustav-Adolf-Schule vorangebracht werden können. Es geht aber auch anders. Die Fridtjof-Nansen- Realschule in Gronau hat die Arbeitsbedingungen für ihre Lehrer mit dem so genannten Fachraumsystem („Lehrerraum“) verbessert, das etwa in den Niederlanden weit verbreitet ist. Nahezu jeder der gut 40 Lehrkräfte an der Gronauer Schule hat seinen eigenen Unterrichtsraum samt Türschild mit Namen und ist damit so etwas wie ein Pate für einige Dutzend Quadratmeter Schulgebäude. Die Räume sind auch überraschend gut ausgestattet: Regale mit Büchern, Musikanlagen, Tageslichtschreiber, Schränke, Fernseher. Teilweise sehen die Räume aus, als hätten die Lehrer einen Teil ihres privaten Arbeitszimmers dort untergebracht – inklusive Schreibtisch.
Durch die neue Raumstruktur sollte auch die Freiarbeit der Schüler vorangebracht werden. Ein Konzept, das aufging. Denn seien es große Nachschlagewerke oder aufwendige Modelle: Alles hat in den Räumen nun seinen Platz. Schließlich haben die Lehrer in „ihrem“ Raum immer ein Auge darauf. Positiver Nebeneffekt: Die Disziplin der Schüler hat sich verbessert. Die Zahl der Unfälle ist nach Angaben der Schule stark zurückgegangen. Auch mutwillige Beschädigungen in den Klassenräumen haben spürbar nachgelassen. Dazu ist in den Pausen einfach keine Zeit mehr, da die Schüler für ein neues Fach stets in einen anderen Klassenraum müssen. Sogar die Raumpflegerinnen haben gejubelt: In den Räumen ist es seither wesentlich sauberer.
Ein Lehrerzimmer gibt es weiterhin an der Gronauer Realschule. Glaubt man der Schule, dann ist die Kommunikation besser – gezielter – geworden: weil die Abstimmung im Gemeinschaftsraum erfolgen kann, bevor sich die Lehrkräfte dann zurückziehen und ihren Unterricht vor- und nachbereiten.
MARC RASCHKE
Das Land bringt den Ganztag in die Fläche. Von den rund 3.300 Grundschulen in Nordrhein- Westfalen arbeiten fast 3.000 im offenen Ganztag. In nur drei Jahren konnten auch 230 Hauptschulen und 25 Förderschulen den erweiterten gebundenen Ganztag einführen, in dem – anders als im offenen Ganztag – alle Schüler nachmittags in der Schule sind. Darüber hinaus werden bis August auch 216 Gymnasien und Realschulen zu gebundenen Ganztagsschulen ausgebaut. www.ganztag-nrw.de
Individuell fördern –
Das PraxisbuchJost Schneider (Hg.), Auer-Verlag, 24,90 Euro
Das Buch verspricht praxistaugliche Lösungen, die individuelle Förderung Schritt für Schritt auch unter schwierigen Voraussetzungen gelingen lassen – und letztlich zur Entlastung des Kollegiums führen. Eine CD-Rom mit Checklisten und Förderplänen ist beigefügt.
Individuelle FörderungChristian Fischer, Franz J. Mönks, Ursel Westphal (Hg.), Lit Verlag, 29,90 Euro
„Begabungen entfalten - Persönlichkeit entwickeln", so lautete das Motto eines Kongresses zum Thema Individuelle Förderung an der Universität Münster. Der Band bündelt die Beiträge der dort versammelten Begabungsforscher, gibt also einen Überblick über den Stand der Wissenschaft.
Was denken Lehrer über individuelle Förderung? Eine Studie von Claudia Solzbacher und Ingrid Kunze www.uni-koblenz.de/didaktik/voss/Differenzierung1.pdf
Informationen zum Zukunftsthema Berufsorientierung www.partner-fuer-schule.nrw.de/dev/t3/
Die neue Lehrerausbildung in Nordrhein-Westfalen www.schulministerium.nrw.de/ZBL/Reform/index.html