Unternehmen und Schulen rücken näher zusammen.
Unternehmen, weil sie im härter werdenden
internationalen Wettbewerb unter immer weniger
Jugendlichen Nachwuchs gewinnen müssen.
Schulen, weil sie allen Schülern eine Perspektive
nach der Schule bieten wollen. Die Stadt Gevelsberg
im Ennepe-Ruhr Kreis macht vor, wie eine
Zusammenarbeit zukünftig funktionieren kann.
„Für viele Schüler beginnt heute nach der Schulzeit eine Irrfahrt. Selbst Jugendliche mit guten Abschlüssen landen in Nachqualifizierungs- und Überbrückungsmaßnahmen“, sagt Henrike Hallmann, Schulleiterin an der Hauptschule Gevelsberg. Etwa 25 Prozent ihrer Absolventen wechseln in eine duale Ausbildung, sagt die Schulleiterin. Die anderen gingen weiter zur Schule oder arbeiten ungelernt. Gevelsberg steht mit seinen Übergangsquoten für einen bundesweiten Trend. Für Schüler mit Hauptschulabschluss ist der Übergang in den Beruf nicht einfach – sie bräuchten besondere Unterstützung, auch durch die Lehrer, sagt Hallmann. „In einer Zeit der gravierenden Veränderungen müssen Schulen zukünftig noch mehr denn je in der Lage sein, eigenverantwortlich zu handeln und eigene Ziele für sich zu definieren“, sagt Professor Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Das dachte auch Hallmann. Die Schulleiterin hatte genug von den Klagen.
Um die Situation für die Absolventen zu verbessern, setzte sie sich mit dem Gevelsberger Bürgermeister Claus Jacobi zusammen. Der holte Vertreter der Wirtschaft mit an den Verhandlungstisch und zusammen starteten sie ein Experiment mit Modellcharakter, das allen Beteiligten eine neue Perspektive verspricht: eine Ausbildungsgarantie.
Grundlage der Ausbildungsgarantie in Gevelsberg ist ein rechtsgültiger Vertrag zwischen der Stadt und den Jugendlichen. 63 von 70 Hauptschülern des neunten Jahrganges haben unterschrieben. 180 Sozialstunden in anderthalb Jahren, mindestens eine Zwei in den Kopfnoten, im Durchschnitt eine Drei auf dem Zeugnis und keine unentschuldigte Fehlstunde, wer diese Regeln einhält, bekommt einen Ausbildungsplatz, verspricht die Stadt. Aber die Stadt ist nicht alleine. Unter anderem unterstützen 35 Unternehmen und die örtlichen Industrie- und Handwerkskammern das Projekt. „Die Firmen in der Region waren von Anfang an sehr off en für den Ausbildungspakt. Eine große Rolle spielt dabei die Überzeugung, dass nur das Unternehmen eine Zukunft hat, das langfristig über eigenen Fachkräftenachwuchs verfügt. Die demographische Entwicklung führt schließlich zwangsläufig zu einer Fachkräfteverknappung in den nächsten Jahren“, sagt Bürgermeister Jacobi.
Ob das Versprechen in Gevelsberg aufgeht, wird sich im Sommer zeigen, wenn die Jugendlichen die zehnten Klassen verlassen. Bis dahin hat das Lehrerkollegium noch einiges zu tun. Aber trotz der Mehrarbeit scheint die Ausbildungsgarantie die Lehrer zu motivieren. Denn durch das zukunftsweisende Konzept haben nicht nur die Jugendlichen wieder eine konkrete Perspektive bekommen, sondern auch die Lehrkräfte haben jetzt wieder ein fassbares Ziel für ihre Erziehungsarbeit.
Professor Hüther sieht in der Gevelsberger Ausbildungsplatzgarantie ein Modell für die Zukunft: „Die Gevelsberger Ausbildungsplatzgarantie lebt das Konzept der Schule, die sich für den Erfolg ihrer Schüler voll verantwortlich fühlt.“
ARND ZICKGRAF
Immer mehr Schulen haben einen Partner aus der Wirtschaft. Die Anzahl der Schulen mit dauerhaften Kooperationen stieg seit 2004 um 28 Prozentpunkte. Das ist das Ergebnis der aktuellen Umfrage der Stiftung Partner für Schule NRW unter rund 2.200 allgemeinbildenden weiterführenden Schulen. Demnach haben 67 Prozent der Schulen einen Partnerbetrieb. Die meisten Schulen (80 Prozent) nutzen die Partnerschaften für Schülerbetriebspraktika, zur Berufsorientierung und um sich über Unternehmen zu informieren.