Forum Schule: Was unterscheidet
Jugendliche, die heute zur Schule gehen,
von denjenigen, die vor zwanzig Jahren
zur Schule gegangen sind?
Klaus Hurrelmann: Über allen schwebt ein äußerst unfreundlicher Arbeitsmarkt. Das Unsicherheitspotential hat stark zugenommen. Selbst die sehr guten Schüler können nicht mehr sicher sein, einen Arbeitsplatz zu finden. Die Jugendlichen wissen, dass sie sich sehr anstrengen müssen. Vor allem die Mädchen sind ehrgeiziger geworden.
Forum Schule: Werden Jugendliche sich trotzdem weiter gesellschaftlich engagieren?
Hurrelmann: Ja, aber auf sinkendem Niveau. Enga gement in Institutio nen wie Parteien oder in sozia len Bewegungen wie Greenpeace stellt für viele Jugendliche angesichts ihrer eigenen unsicheren Lage eine Verzettelung der Kräfte dar. Sie stecken ihre Energie eher in ihr eigenes Fortkommen.
Forum Schule: Wie werden Jugendliche sich in zehn Jahren ausdrücken?
Hurrelmann: Der Erwartungsdruck, dass man etwas werden soll, nimmt zu. Deshalb werden Ausweichstrategien durch Subkulturen zukünftig wich tiger werden. Sprache, Umgangsformen, Frisuren und Kleidung, kreativ sein, das alles werden Jugendliche deshalb noch stärker zur Profi lierung nutzen.
Forum Schule: Welche Auswirkungen hat die wachsende Bedeutung des Internets auf die Schule?
Hurrelmann: Die Informationsbeschaff ung hat sich geändert. Jugendliche werden mit einer Masse an Informationen konfrontiert. Folgen können Überforderung und Orientierungslosigkeit sein. Aufgabe der Lehrer ist es, die positiven Aspekte des Wandels zu nutzen und die negativen Auswirkungen abzumildern.
Forum Schule: Wie können Lehrer den Wandel für ihre Arbeit nutzen?
Hurrelmann: Der Lehrer hat kein Informationsmonopol mehr, er wird immer mehr zum Verarbeitungsspezialisten. Zukünftig muss er noch mehr Fragen beantworten wie: Wie schätzt man Dinge ein, wie verarbeitet man sie und wie bezieht man diese Dinge auf sich selbst? Das schafft Freiräume für selbstständiges Arbeiten der Schülerinnen und Schüler. Schule wird für Jugendliche immer mehr zum Bewährungs- und Betätigungsfeld. Sie werden zukünftig noch mehr in der Schule auf Anerkennung und Selbstentfaltung angewiesen sein. Lehrer können die Möglichkeiten der Jugendlichen verbessern, indem sie deren Fähigkeiten aktivieren. Wie der Trainer einer Mannschaft sollte er die Potentiale der Jugendlichen herauslocken, animieren und durch Anerkennung belohnen.
NINA BRAUN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.
Der Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann ist Sozialwissenschaftler. Er unterrichtete jahrelang an der Universität Bielefeld, aktuell forscht er an der Hertie School of Governance in Berlin. Hurrelmann leitet die Shell Jugendstudie 2010, die im Herbst erscheint.
Fliegende Autos, interstellare Reisen, schwebende Skateboards, mit denen Schüler zur Schule gleiten – vieles ist für die Zukunft denkbar. Ich glaube aber nicht, dass das Leben von jungen Menschen schon 2020 wie im Science-Fiction-Film aussehen wird. Das meiste, was für sie bis dahin kommt, ist wohl bereits vorgezeichnet: Chatten, Online-Spielen, Freunde bei „SchülerVZ“ kontaktieren, Playstation oder XBox spielen – das Internet und Konsolen werden die Welt von Jugendlichen immer stärker beeinflussen.
Vorstellen kann ich mir allerdings auch, dass es in Zukunft Jugendliche gibt, die sich gegen das Netz auflehnen, die sich der Technik verweigern, um anders zu sein, und etwa ihre Freunde lieber nur persönlich treff en. Jugendliche wollen ihren eigenen Stil. Manchmal ist angesagt, was aus der fernen Vergangenheit kommt. So könnte ich mir vorstellen, dass in zehn Jahren die Musik und die Mode der 50er und 60er Jahre wieder aufl eben – vielleicht gemischt mit ein bisschen HipHop. Oder es geht noch weiter zurück: etwa mit klassischer Musik. Das schockt Erwachsene in zehn Jahren vielleicht.
Eines wird sich aber wohl nicht ändern: Ich glaube schon, dass Marken die Mode von Jugendlichen weiterhin bestimmen werden – dafür sind Marken für viele junge Leute einfach zu wichtig. Ob das allerdings die gleichen sein werden wie heutzutage? Das hängt davon ab, welchen Designern es gelingt, sich Neues einfallen zu lassen.
Wie wird die Schule in zehn Jahren aussehen? Werden die Kinder womöglich morgens gar nicht mehr aus dem Haus gehen, weil der Unterricht online abläuft und die Lehrer nur auf dem Bildschirm zu sehen sind? Wenn sie Fragen haben, müssen sich die Schüler dann die Antworten im Internet selber erarbeiten. Vielleicht gibt es ja 2020 auch gar keine Lehrer mehr. Der Unterricht wird dann mit Schauspielern aufgenommen, die den Stoff mit mehr Action vermitteln, so wie bei „Galileo“ auf ProSieben.
Wahrscheinlicher jedoch ist, dass der Unterricht in der altbekannten Weise weitergeführt wird, allerdings mit mehr technischer Unterstützung als heute. Jeder Schüler hätte dann – statt Heft und Mäppchen – einen Minicomputer. Außerdem könnten elektronische Whiteboards die längst veralteten Kreidetafeln ersetzten. Wichtig wäre dabei, dass alle Schüler in der Schule lernen könnten, mit elektronischen Me dien sinnvoll umzugehen, etwa wie man eine „PowerPoint-Präsentation“ macht. Auch das ein oder andere neue Fach könnte es dann geben: Roboterkunde etwa.
Patrick Klann ist 16 Jahre alt und in der Stufe 11 des Städtischen Gymnasiums im niederrheinischen Städtchen Korschenbroich. Seine Lieblingsfächer sind Geschichte und Erdkunde.