Wenn es um den Unterricht im Jahr 2020 geht,
sind sich die sechs Lehramtsstudenten, die in
einem Hörsaal der Technischen Universität Dortmund
sitzen, einig: Das Arbeiten in kleinen Gruppen
löst den Frontalunterricht bis dahin weitgehend
ab, leistungsstarke Kinder unterstützen
schwächere und praktische Beispiele sorgen dafür,
dass der Unterrichtsstoff für die Kinder greifbar ist.
Nicht nur fachlich kompetent soll der Pädagoge der
Zukunft sein, sondern eine Bezugsperson für seine
Schüler darstellen. Martin Kreuzer will durch
neue Medien Abwechslung in den Schulalltag bringen,
sein Kommilitone Sven Monien plädiert für
neue Methoden wie diff erenzierte Lernaufgaben
und wünscht sich, das Lerntempo und die Gestaltung
von Th emen dem einzelnen Schüler entsprechend
anzupassen. Auf die Bedürfnisse der einzelnen
Kinder einzugehen und deren Verschiedenheit
anzunehmen – das hat sich Janina Igelbusch vorgenommen.
Die Lehrer von morgen wollen vor allem
eines: individuell fördern.
Tatsächlich wird sich der Unterricht künftig
stärker auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler
einstellen müssen – nicht nur, weil das Recht eines
jeden Schülers auf individuelle Förderung im nordrhein-
westfälischen Schulgesetz seit 2006 verankert
ist. Individuelle Förderung gilt als der Schlüssel
zum pädagogischen Erfolg. „Die Erkenntnisse der
Lernpsychologie, der Neurobiologie und der Unterrichtsforschung
sowie die Erfahrung aus den PISASiegerländern
– alles spricht dafür, dass individuelle
Förderung notwendig ist“, sagt Claudia Solzbacher.
Die Professorin für Schulpädagogik an der Universität
Osnabrück forscht zum Thema. Im Mittelpunkt
stehe eigenverantwortliches, selbstgesteuertes Lernen
der Schüler, angestoßen durch vielfältiges Lernmaterial
in einer vorbereiteten Lernumgebung.
Zentral sei auch ein neuer Blickwinkel des Lehrers:
weg von den Defiziten, hin zu den Potenzialen der
Kinder. Die Notwendigkeit, individuell zu fördern,
sehen einer Umfrage Solzbachers zufolge nahezu
alle Lehrer – oft noch hapert es allerdings an der
Umsetzung. Gleichwohl liegt Nordrhein-Westfalen
der Bildungsforscherin zufolge an der Spitze der
Bewegung in Deutschland: Mittlerweile 325 Schulen
tragen das „Gütesiegel Individuelle Förderung“,
das vom Land für eine richtungweisende Unterrichts
praxis verliehen und von der Unfallkasse NRW unterstützt wird. Fast 900 Grundschulen haben
ein „Lernstudio“ eingerichtet, in dem sie individuell
fördern.
Wie individuelle Förderung in der Praxis aussehen
kann, macht die Wartburg-Grundschule
in Münster vor. Hildegard Weber sitzt schon eine
ganze Weile hinten in der Klasse auf einem kleinen
Stuhl. Sie führt von hier Regie – agieren müssen
die Schüler. Ein Junge steht vorne, schiebt die
Tafel rauf und geht den Tagesplan
durch. Ein Mädchen hilft. Wer aufzeigt,
wird von den beiden drangenommen.
Selbst Hildegard Weber,
die sie alle hier beim Vornamen nennen,
muss aufzeigen, wenn sie etwas
sagen will. Niemand kichert, weil keiner
es anders kennt. Als der Tagesplan
besprochen ist und sich der Junge
den Kreidestaub von den Händen
schlägt, raunt ihm ein Klassenkamerad
von einem der Gruppentische
zu: „Du musst noch fragen: Habt Ihr
noch Tipps für mich?“ Wer vorne
steht und den Unterricht moderiert
hat, darf sich Lob abholen, aber auch Vorschläge,
wie er seinen „Job“ an der Tafel künftig noch besser
machen könnte. „Uns ist es wichtig, dass die Kinder
von Beginn an die Verantwortung für ihr eigenes
Lernen übernehmen“, erklärt Schulleiterin Gisela
Gravelaar. „Das Kind entscheidet schließlich
selbst, was es im Gehirn verankert.“ Die Wartburg-
Grundschule bietet ihren 425 Kindern offene Unterrichtsformen,
flexible Pausenzeiten und eine
individuelle, ganzheitliche Lernförderung. 2008
bekam sie dafür den Deutschen Schulpreis und
das „Gütesiegel Individuelle Förderung“.
Mitunter sind es verblüffend einfache Ideen, mit denen
Schüler individuell gefördert werden können.
So hat die Schule beispielsweise eine „Lernlandkarte“
eingeführt: ein weißes DIN-A-3-Blatt, auf dem jedes
Kind seine Lernziele festhält. Konkret sind das
Zettel mit Sätzen wie „Ich kann auf Fragen anderer
antworten“ oder „Ich erkenne Wörter mit -en“. Die
sechsjährige Frida hat ihre Herausforderungen auf
die linke Seite geklebt. Daneben hat sie sich in einem
Schwimmbecken gemalt. Warum? „Na,
bei den Aufgaben schwimme ich halt
noch“, meint Frida knapp. Die bereits
überwundenen Hürden stehen bei ihr
rechts. Wenn sie meint, ein Ziel erreicht
zu haben, geht sie zu Hildegard Weber
und muss einen Beleg dafür erbringen,
zum Beispiel, in dem sie in einem Text
alle Wörter mit -en unterstreicht. „Die
Lernlandkarten haben unseren Unterricht
verändert“, sagt Gravelaar. Im Gegensatz
zu Wochenarbeitsplänen, die
weitestgehend von Lehrern entwickelt
und damit vorgegeben werden, kann
ein Kind mit einer Lernlandkarte selbst
entscheiden, wie es sich im Dschungel der zu bewältigenden
Aufgaben fortbewegt. Die Lehrerin als
„Lernbegleiterin“ berät das Kind.

Wie gelingt individuelle Förderung? Welche Faktoren sind entscheidend? Neben strukturellen Rahmenbedingungen hält Bildungsforscherin Solzbacher vor allem eine starke, begeisterungsfähige Schulleitung, eine ausgefeilte Konferenzkultur und Fortbildungen für bedeutend. In der Stärkung der Diagnosekompetenz sieht Solzbacher einen Schritt in die richtige Richtung: „Viele Instrumente der individuellen Förderung, wie Portfolio und Lerntagebücher, sind Diagnoseinstrumente. Wenn diese besser bekannt wären und die Lehrkräfte sie besser und professioneller einsetzen könnten, dann wäre schon viel getan.“ Diesen Fortbildungsbedarf sehen auch viele Lehrer (Grafik Seite 7). Darüber hinaus appelliert die Professorin, sich nicht nur auf die kognitiven Merkmale der Kinder zu konzentrieren: „Bildung ist Persönlichkeitsentwicklung“ – und dazu gehören auch emotionale und soziale Gesichtspunkte. Die Persönlichkeit der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen, ist auch den Lehrern der Erich Kästner-Realschule in Gladbeck ein zentrales Anliegen. Ihr Motto: Die Kinder werden nicht auf-, sondern angenommen – mit ihren Stärken und Schwächen. Konkret heißt das: Hat ein Schüler Schwierigkeiten mit der Prozentrechnung oder eine Fünf in der Englischarbeit, kann ihm im „Lernbüro“ geholfen werden. Der Schüler füllt eine Förderkarte aus und gibt an, worin genau er von einem Lehrer oder Lernpaten, einem älteren Schüler also, unterstützt werden möchte. Die Karte wirft er in den Briefkasten des Büros und kommt dann dorthin zu einem Beratungsgespräch. Hapert es bei Kleinigkeiten, reichen meist wenige Termine. „Wenn ein Schüler Schwierigkeiten in der Rechtschreibung hat, braucht er längerfristig ein Unterstützungsangebot“, erklärt Ramona Tölle-Holländer, Leiterin des „Lernbüros“. Dann wird der Schüler mit einem Laufzettel zu einem der „Lernblöcke“ verwiesen. Das sind kleine Gruppen, die dreimal wöchentlich während der freien Mittagszeit stattfinden. In Zusammenarbeit mit Lernpaten fördern Lehrer die einzelnen Kinder anhand ihres Lernzettels.
Individuell gefördert wird auch während des
Regelunterrichts: Dort dürfen sich die Schüler
von unterschiedlichen Aufgaben diejenige aussuchen,
die sie für ihren Lernerfolg am besten halten.
„Unser großes Ziel ist der Schüler, der seine
Ziele benennen kann, der weiß, auf welchem Lernweg
er am besten lernt und der seine Stärken und
Schwächen kennt. Wenn der Schüler das artikulieren
kann, indem er von uns in seiner Persönlichkeit
gestärkt wird, dann sind wir schon sehr weit“,
erklärt Tölle-Holländer.
Für Kinder aus Einwandererfamilien hat die Schule zwei Wochenstunden Förderunterricht Deutsch eingerichtet. Um die Leistung der Mädchen in Chemie und Physik zu stärken, lernen diese in der achten und neunten Klasse getrennt von den Jungen. Für die Jüngsten sind drei zusätzliche Förderstunden im Angebot, die jeweils mit zwei Lehrern besetzt sind. Stetig arbeitet die Schule daran, ihre Förderung zu verbessern und auszubauen: Der Unterricht wird bald vom 45- auf einen 65- Minuten-Takt umgestellt, um eigenständiges Lernen zeitlich besser integrieren zu können.
Wie lässt sich individuelle Förderung in einem
personellen und finanziellen Rahmen realisieren,
der dem anderer Schulen entspricht? „Das ist nicht
leicht“, räumt Lehrerin Linda Allwermann ein. „Je
kleiner die Lerngruppe ist, desto besser kann ich
natürlich individuell fördern. Aber Möglichkeiten
gibt es auch in großen Lerngruppen.“ Dass die Haltung
des Kollegiums bei der individuellen Förderung
mitentscheidend ist, bestätigt auch Kollegin
Tölle-Holländer: „Bei uns gilt der Grundsatz: ‚Yes,
we can‘ und nicht ‚No, we can’t‘. “ Der oft schwierige
soziale Hintergrund der Kinder und große
Klassen sind eine Herausforderung. Aber gerade
deshalb setzt die Schule konsequent auf individuelle
Förderung. Dass sich das Engagement lohnt,
belegt eine Sitzenbleiberquote von nur noch 0, 87
Prozent, das „Gütesiegel Individuelle Förderung“
sowie die hervorragenden Ergebnisse der Qualitätsanalyse
des Schulministeriums. Motivierend
ist auch, dass die Schule Ende Januar als eine von
zwanzig Schulen bundesweit von der Jury des
Deutschen Schulpreises besucht wurde.
Neben einem kooperierenden Kollegium und einer engagierten Schulleitung ist der Ganztag für die beiden Pädagoginnen grundlegend, um gezielt fördern zu können. So kann ein erheblicher Teil der Stunden mit zwei Lehrern besetzt werden, die Klassen lassen sich in kleinere Gruppen teilen und zeitgleich können diff erenzierende Angebote gemacht werden, erklärt Lehrerin Allwermann. Weiteres Plus des Ganztages: Die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern wird gestärkt. In der wöchentlichen „Tutorstunde“ haben Schüler Gelegenheit, mit ihren Klassenlehrern über Probleme in der Schule oder zuhause zu sprechen. Zeit für die Lehrer, die Anliegen der Kinder ernst zu nehmen, sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen und den einzelnen Schüler in den Blick zu nehmen.
Eine solche individuelle Betreuung haben die sechs Lehramtsstudenten an der Universität Dortmund in ihrer eigenen Schulzeit kaum erlebt. „Ich hatte mal einen Lehrer, der einem Schüler, der schon zwei Jahre nicht mehr in der Klasse war, noch eine mündliche Quartalsnote gegeben und diese laut vor der Klasse vorgelesen hat“, erzählt Student Martin Kreuzer. Er sagt mit Nachdruck: „So möchte ich auf keinen Fall werden! Als Lehrer sollte man individueller nach den Schülern schauen und sich Zeit nehmen, sich zu jedem Schüler Gedanken zu machen.“
FRAUKE KÖNIG, MITARBEIT: MARC RASCHKE
Das Schulministerium hat zu dem Thema Individuelle För derung die Broschüre „Initiative Gütesiegel Individuelle Förderung“ herausgegeben. Diese zeigt anhand konkreter Beispiele, wie individuelle Förderung in der Praxis besonders gut gelingt. Die Broschüre kann unter www.schulministerium.nrw.de heruntergeladen oder dort bestellt werden.