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kultur


Es ist angerichtet!

Das rohestheater gehört zu den bedeutendsten Schultheatergruppen des Landes, obwohl die Schauspielerei vielen Schülern keineswegs in die Wiege gelegt wurde.

Kein Schultheater habe das Land Nordrhein- Westfalen in den letzten 15 Jahren bei Theaterfestspielen häufiger vertreten als das „rohestheater“, sagt Eckhard Debour. Der 50- Jährige ist Lehrer für katholische Religion und Deutsch an der Mies-van-der-Rohe- Schule in Aachen, einem technisch orientierten Berufskolleg. Und er ist Theaterlehrer aus Passion. Mit dem Hausmeister Wilfried Schumacher, der die Fotos, Videos und den Bühnenbau mit den Schülern gestaltet, hat er „rohestheater“ zu einer bedeutenden Schultheaterschmiede in Nordrhein-Westfalen gemacht. Abwechselnd führen die Aachener klassische Bühnenstücke oder experimentelle Eigenproduktionen auf. Das Wilde ist charakteristisch für dieses Schülertheater, genauso wie das Tiefschürfende. Die letzte große Vorführung beim bundesweiten Festival „Schultheater der Länder 2009“ in Hamburg war: „Das jüngste Gericht“. Ein Stück, das die menschliche Selbstzerstörung am Phänomen des Kannibalismus thematisiert.

Thema menschliche Selbstzerstörung:

Mit der Theaterarbeit will Debour „den Stachel setzen“. Er will verstören. Gewohnheiten hinterfragen. Die Geburtsstunde dieser ungewöhnlichen Theatergruppe war ein Schulfest. Anlässlich der Abschlussfeier des ersten Abiturjahrgangs im Jahr 1987 forderte die Leitung den damals jungen Kollegen auf, etwas zur Gestaltung der Abschlussfeier beizutragen. Debour war gerade dabei, im Deutschunterricht mit seinen Berufsschülern Gedichte über den ersten Golfkrieg zu schreiben. Vier Wochen brauchte er, um die Gedichte mit fünf Schülern zu proben. Das Ergebnis: Eine 20-minütige Inszenierung, die so erfolgreich war, dass Debour sie im Anschluss in einem Jugendzentrum und einer großen Buchhandlung aufführen ließ.

Die Theaterspieler des Berufskollegs sind – das ist ungewöhnlich – überwiegend männlich. Sie stammen oft aus einfacheren, zumindest heterogenen Familien, die mit „gehobenem Schauspiel“ meist nicht viel am Hut haben. Und das ist durchaus positiv: Im Unterschied zu Gymnasiasten, denen mitunter die klassischen Dramen „in die Wiege gelegt werden“, zeigten sich Schüler der gymnasialen Oberstufe mit technischem Schwerpunkt oft „unverbrauchter“, sagt Debour. Nicht der Einzelne steht im Mittelpunkt. „Bei uns ist das Ensemble der Star“, erklärt der Pädagoge. Die Tür zur Theatergruppe steht für Schüler mit Lernschwierigkeiten genauso offen wie für besonders talentierte Kandidaten. Was Debour von den Nachwuchsschauspielern erwartet ist, dass sie einen großen Teil ihrer freien Zeit investieren, um die Stücke bühnenreif einzustudieren.

„Das jüngste Gericht“

Das Besondere an „rohestheater“ ist seine Offenheit für ehemalige Schüler und Externe, aus denen auch Ehemaligenproduktionen erwachsen. Debour hält Kontakte zu Ex-Schülern, die er schon seit Jahrzehnten kennt. Eines Tages nahm ein ehemaliger Schüler des Berufskollegs die Studentin Sarah Mehlfeld mit zu einer Probe. Mehlfeld wurde vom Spielleiter peu à peu in die Regie mit eingebunden. „Ich war zuerst verunsichert, als ich die vielen lässigen Jungs sah, die mit Baseballkappen angeschlurft kamen“, erinnert sich Mehlfeld, 27 Jahre, heute Referendarin in Bonn. Nach dem Sprung in die Theaterwelt hat die zukünftige Lehrerin eine Sorge weniger: „Ich habe Spaß am Umgang mit Schülern, die nicht zur Elite gehören.“ Hemmungen, vor einer Klasse zu stehen, hat sie heute nicht mehr.

Arnd Zickgraf

www.rohestheater.de/index.php

Martina van Boxen, Leiterin Junges Schauspielhaus, Bochum»Schüler merken sehr schnell, dass Theaterspielen nur funktioniert, wenn alle zusammenhalten und aufeinander Rücksicht nehmen. Sie lernen dadurch soziale Kompetenz und Teamfähigkeit. Außerdem werden sie nachgewiesenermaßen selbstbewusster, offener und kreativer.«

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