Die 45-Minuten-Schulstunde entstand in mittelalterlichen
Klosterschulen, in denen die Schüler das letzte Viertel einer
Unterrichtsstunde stets dem Gebet widmen sollten. Quasi Gesetz
wurde die schulische Dreiviertelstunde in einem Erlass des
preußischen Kultusministers aus dem Jahr 1911: „Ich bestimme,
dass an allen höheren Lehranstalten die Dauer der Unterrichtsstunde
allgemein auf 45 Minuten festgesetzt ist.“ Damit
ist Schluss: Das neue Schulgesetz
von Nordrhein-Westfalen schreibt
keine 45-Minuten-Schulstunden
mehr vor. In der Regel entscheidet
die Schulkonferenz über eine
Zeittaktänderung. Die Pädagogen
müssen nur sicherstellen, dass
die vorgegebene Stundenzahl –
gerechnet aufs ganze Schuljahr,
oft auch über zwei oder drei hinweg
– unterrichtet wird. Und immer
mehr weiterführende Schulen
nutzen die Freiheit, darunter
Schulen aller Schulformen. In
Gymnasien beschleunigt die Notwendigkeit,
mit der verkürzten
Schulzeit praktisch umzugehen,
die Reform von unten.
Nach wie vor gibt es Befürworter der Dreiviertelstunde – aber sie werden weniger. Ihre Argumente: Die Nebenfächer könnten so mehrmals jede Woche unterrichtet werden, kleine Abstände zwischen den Fachstunden seien ein Vorteil für einen guten Anschluss. Für jüngere Schüler sei die 45-Minuten-Stunde ebenfalls besser, da sie gegebenenfalls nicht ausreichend Konzentration für 60, 70 oder gar 90 Minuten haben. Außerdem bringe der alte Stundentakt mehr Abwechslung in den Schulalltag, meinen die „Konservativen“.
Die Verlängerung der Unterrichtseinheiten ist bei den meisten Lehrern und Schülern trotzdem kaum aufzuhalten. Die Hauptargumente: Gruppenarbeit, Experimente, Präsentationen der Schüler – alles ist besser umsetzbar, wenn die Stunde länger dauert. Haben die Schüler zum Beispiel in Kleingruppen gemeinsam ein Thema erarbeitet, bleibt ihnen in einer Dreiviertelstunde kaum noch Zeit, die Ergebnisse zu präsentieren – zumal der Stoff durch organisatorische Dinge sowieso oft in nur 35 oder 30 Minuten reiner Unterrichtszeit unterzubringen ist. Lüder Ruschmeyer, Schulleiter der Realschule Lindlar, hat sein Kollegium ermutigt, ab dem kommenden Schuljahr den neuen Weg mit längeren Unterrichtsstunden zu gehen – auf eine genaue Minutenzahl hat man sich hier noch nicht geeinigt. Für ihn sind vor allem die Ergebnisse der neurobiologischen Forschung ein Argument für die Verlängerung. „Eine Fortbildung vor einiger Zeit hat uns in unserem Vorhaben bestärkt. Dort hieß es, Wissenschaftler hätten nachgewiesen, dass die Fülle der verschiedenen Lehrinhalte am selben Tag das Gehirn überfordert und daher kontraproduktiv für den Wissenszuwachs ist. Allein dieser Grund reicht für mich aus, mich von der 45-Minuten- Stunde zu verabschieden.“
Ruschmeyer weist zudem auf die „Gepäck-Entlastung“ in doppelter Hinsicht hin: „Die Lehrer müssen für jeden Tag weniger Stunden vorbereiten, und die Schüler haben leichtere Schultaschen und weniger Hausaufgaben von einem auf den anderen Tag.“ Letztlich ist auch der Wunsch nach mehr individueller Förderung für Ruschmeyer ein weiterer Grund, die Stundenwechsel zu verringern. „Durchschnittlich begegnet ein Lehrer in sechs Stunden jeden Tag rund 180 Gesichtern – beim 90-Minuten-Takt verringert sich diese Zahl auf 90 – so kann er sich doppelt so gut wie bisher einzelnen Schülern zuwenden, was ja zunehmend gefordert wird.“
Weitere Argumente für die Verlängerung der Unterrichtseinheiten: Projektorientierte Arbeit und schülerorientierte Unterrichtsformen wie Gruppenpuzzle oder Stationen-Lernen sind besser umsetzbar, mit mehr Zeit können sich Schüler intensiver mit einem Thema auseinandersetzen, und auch die verkürzte Schulzeit am Gymnasium kann besser umgesetzt werden. Wie die neuen Zeitfenster letztendlich genau aussehen – ob 60, 67,5 (die Hälfte von 3 bisherigen Schulstunden) oder 90 Minuten – das wird sicher jede Schule individuell nach ihren Bedürfnissen „zuschneidern“.
Martina Peters