Es war Friedrich Nietzsche, der
Langeweile als die „Windstille
der Seele“ bezeichnete. Und
so wie die Ruhe vor dem Sturm
Neuem eine zu füllende Leere
bereitstellt, so wird der Langeweile
in älteren aber auch neueren
Schriften häufig zugeschrieben,
dass sie kreatives Potenzial
in sich trägt. Sicherlich kann Langeweile
Neues initiieren, und dies
ist auch wohl der Grund, warum
es aus evolutionärer Sicht diese
Emotion überhaupt gibt – allerdings
zeigen empirische Studien
eindeutig, dass Langeweile primär
mit negativen Phänomenen
einhergeht, insbesondere mit
Drop-Out, Absentismus, deviantem
Verhalten, Delinquenz,
Abusus psychotroper
Substanzen, Spielsucht,
Übergewicht und schwachen Leistungen.
Aus psychologischer Perspektive ist Langeweile
eine Emotion, die als schwach negativ
erlebt wird und bei der die Zeit subjektiv
langsam vergeht (sogenannte Zeitdilatation).
Dadurch, dass es sich im Gegensatz zu beispielsweise
Angst um eine eher „stille“ Emotion handelt,
wird sie von vielen Schülern einfach hingenommen
– bei einer unserer aktuellen Studien gab ein Drittel
der Schüler an, Langeweile einfach zu ertragen.
Langeweile ist eine im schulischen Kontext
sehr häufig auftretende Emotion. Bei einer unserer
empirischen Studien gaben Schüler der Jahrgangsstufe
11 (Gymnasien) an, sich im Mathematikunterricht
in 58 Prozent der Zeit zumindest
leicht zu langweilen und in 23 Prozent der Unterrichtszeit
sehr stark zu langweilen.
Bei einer Experience-Sampling-Studie (Real- Life-Assessment) wurden insgesamt 120 Gymnasiasten der 8. und 11. Jahrgangsstufe mit einem Taschencomputer ausgestattet, der über zwei Wochen hinweg während des Unterrichts immer wieder ein Signal von sich gab. Beim Ertönen des Signals erschien auf dem Display ein Fragebogen, den die Schüler ausfüllten. Mehrere Fragen bezogen sich auf das emotionale Erleben – neben Langeweile wurden auch Freude, Stolz, Hoffnung, Ärger, Angst, Scham und Hoffnungslosigkeit erfasst. Die Schüler konnten von „gar nicht“ (1) bis „sehr stark“ (5) antworten. Es zeigt sich, dass Langeweile (Mittelwert: 3) die dominierende Emotion darstellt.
Wie entsteht nun Langeweile
in der Schule? Bisherige Ergebnisse
deuten darauf hin, dass Langeweile
von Schülern bei bestimmten Themen
erlebt wird, die konkrete Unterrichtsgestaltung
jedoch die entscheidende
Rolle spielt. Im Rahmen
einer Interviewstudie haben wir
Schüler (9. Jahrgangsstufe, Hauptschulen
und Realschulen) nach
den Ursachen von Langeweile gefragt.
Weit vorne: die Unterrichtsgestaltung
in einer spezifischen
Stunde. Interessant ist, dass spezifische
Fächer nicht per se als langweilig
bezeichnet werden.
Was kann man gegen Langeweile im Unterricht tun? Langeweile ist die einzige Emotion, die schwächer wird, wenn man die Wichtigkeit (Valenz) der Inhalte bzw. der Tätigkeiten erhöht. Alle anderen Emotionen, positive wie negative, werden hingegen bei zunehmender Valenz intensiver. Es gibt viele Möglichkeiten, die Valenz von Inhalten und Tätigkeiten zu erhöhen, beispielsweise durch authentisches Unterrichten, das heißt durch einen Unterricht, in dem zahlreiche Beispiele aus der Lebenswirklichkeit der Schüler herangezogen werden. Auch enthusiastisches Unterrichten, die eigene Begeisterung an den schulischen Inhalten, verdeutlicht den Schülern die Relevanz dessen, was gelernt wird. Zudem ist individualisiertes Unterrichten ein Schlüssel zur Vermeidung von Langeweile. Eine unserer aktuellen Studien zeigt, dass Langeweile in Folge von sowohl Unter- als auch Überforderung auftritt. Somit wird ein Unterricht, der sich am mittleren Leistungsniveau der Klasse orientiert, zwangsläufig zu Langeweile bei einem Teil der Schüler führen. Ein adäquater Umgang mit der Leistungsheterogenität in der Klasse durch individualisiertes Unterrichten kann in Kombination mit einer Erhöhung der Valenz der Inhalte und Tätigkeiten zu weniger „Windstille“ im Klassenzimmer führen.
Literatur: Götz, T., Frenzel, A. & Pekrun, R. (2007). Regulation von Langeweile im Unterricht, Unterrichts-wissenschaft, 35(4), 312 – 333. Götz, T. & Frenzel, A. C. (2006). Phänomenologie schulischer Langeweile. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 38(4), 149 – 153. Götz, T., Frenzel, A. C. & Haag, L. (2006). Ursachen von Langeweile im Unterricht. Empirische Pädagogik, 20(2), 113 – 134.