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Windstille in den Köpfen

Langeweile geht mit schwachen Leistungen und Unterrichtsstörungen einher. Der Forscher Thomas Götz weiß, wie sie entsteht.

Es war Friedrich Nietzsche, der Langeweile als die „Windstille der Seele“ bezeichnete. Und so wie die Ruhe vor dem Sturm Neuem eine zu füllende Leere bereitstellt, so wird der Langeweile in älteren aber auch neueren Schriften häufig zugeschrieben, dass sie kreatives Potenzial in sich trägt. Sicherlich kann Langeweile Neues initiieren, und dies ist auch wohl der Grund, warum es aus evolutionärer Sicht diese Emotion überhaupt gibt – allerdings zeigen empirische Studien eindeutig, dass Langeweile primär mit negativen Phänomenen einhergeht, insbesondere mit Drop-Out, Absentismus, deviantem Verhalten, Delinquenz, Abusus psychotroper Substanzen, Spielsucht, Übergewicht und schwachen Leistungen. Aus psychologischer Perspektive ist Langeweile eine Emotion, die als schwach negativ erlebt wird und bei der die Zeit subjektiv langsam vergeht (sogenannte Zeitdilatation). Dadurch, dass es sich im Gegensatz zu beispielsweise Angst um eine eher „stille“ Emotion handelt, wird sie von vielen Schülern einfach hingenommen – bei einer unserer aktuellen Studien gab ein Drittel der Schüler an, Langeweile einfach zu ertragen. Langeweile ist eine im schulischen Kontext sehr häufig auftretende Emotion. Bei einer unserer empirischen Studien gaben Schüler der Jahrgangsstufe 11 (Gymnasien) an, sich im Mathematikunterricht in 58 Prozent der Zeit zumindest leicht zu langweilen und in 23 Prozent der Unterrichtszeit sehr stark zu langweilen.

Bei einer Experience-Sampling-Studie (Real- Life-Assessment) wurden insgesamt 120 Gymnasiasten der 8. und 11. Jahrgangsstufe mit einem Taschencomputer ausgestattet, der über zwei Wochen hinweg während des Unterrichts immer wieder ein Signal von sich gab. Beim Ertönen des Signals erschien auf dem Display ein Fragebogen, den die Schüler ausfüllten. Mehrere Fragen bezogen sich auf das emotionale Erleben – neben Langeweile wurden auch Freude, Stolz, Hoffnung, Ärger, Angst, Scham und Hoffnungslosigkeit erfasst. Die Schüler konnten von „gar nicht“ (1) bis „sehr stark“ (5) antworten. Es zeigt sich, dass Langeweile (Mittelwert: 3) die dominierende Emotion darstellt.

Prof. Dr. Thomas GötzWie entsteht nun Langeweile in der Schule? Bisherige Ergebnisse deuten darauf hin, dass Langeweile von Schülern bei bestimmten Themen erlebt wird, die konkrete Unterrichtsgestaltung jedoch die entscheidende Rolle spielt. Im Rahmen einer Interviewstudie haben wir Schüler (9. Jahrgangsstufe, Hauptschulen und Realschulen) nach den Ursachen von Langeweile gefragt. Weit vorne: die Unterrichtsgestaltung in einer spezifischen Stunde. Interessant ist, dass spezifische Fächer nicht per se als langweilig bezeichnet werden.

Was kann man gegen Langeweile im Unterricht tun? Langeweile ist die einzige Emotion, die schwächer wird, wenn man die Wichtigkeit (Valenz) der Inhalte bzw. der Tätigkeiten erhöht. Alle anderen Emotionen, positive wie negative, werden hingegen bei zunehmender Valenz intensiver. Es gibt viele Möglichkeiten, die Valenz von Inhalten und Tätigkeiten zu erhöhen, beispielsweise durch authentisches Unterrichten, das heißt durch einen Unterricht, in dem zahlreiche Beispiele aus der Lebenswirklichkeit der Schüler herangezogen werden. Auch enthusiastisches Unterrichten, die eigene Begeisterung an den schulischen Inhalten, verdeutlicht den Schülern die Relevanz dessen, was gelernt wird. Zudem ist individualisiertes Unterrichten ein Schlüssel zur Vermeidung von Langeweile. Eine unserer aktuellen Studien zeigt, dass Langeweile in Folge von sowohl Unter- als auch Überforderung auftritt. Somit wird ein Unterricht, der sich am mittleren Leistungsniveau der Klasse orientiert, zwangsläufig zu Langeweile bei einem Teil der Schüler führen. Ein adäquater Umgang mit der Leistungsheterogenität in der Klasse durch individualisiertes Unterrichten kann in Kombination mit einer Erhöhung der Valenz der Inhalte und Tätigkeiten zu weniger „Windstille“ im Klassenzimmer führen.

Literatur: Götz, T., Frenzel, A. & Pekrun, R. (2007). Regulation von Langeweile im Unterricht, Unterrichts-wissenschaft, 35(4), 312 – 333. Götz, T. & Frenzel, A. C. (2006). Phänomenologie schulischer Langeweile. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 38(4), 149 – 153. Götz, T., Frenzel, A. C. & Haag, L. (2006). Ursachen von Langeweile im Unterricht. Empirische Pädagogik, 20(2), 113 – 134.

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