Lehrer leben mitunter gefährlich. Als Martin Schlu neulich wieder einmal Pausen-Aufsicht hatte, bemerkte er eine Gruppe Schüler. Als er sie ansprach, bedrohten und beleidigten sie ihn. Er kannte keinen von ihnen. Sie mussten wohl von einer anderen Schule gekommen sein und wollten offenbar den Schulhof der Integrierten Gesamtschule Bonn-Bad Godesberg ein wenig unsicher machen. Schlu zeigte sich unbeeindruckt, zückte seine Handykamera und fotografierte die Schüler kurzerhand, die daraufhin fluchend den Hof verließen. Schlu sagt, es gebe nun mal keine Patentrezepte, mit Störenfrieden umzugehen. Die Situation sei entscheidend. Manchmal reicht da schon moderne Handy-Technik. – Manchmal nicht.

Jeder Lehrer kennt Begebenheiten wie diese, ob auf dem Schulhof oder im Unterricht. Gelegentlich sind es gar komplette Klassen, die im Lehrerzimmer in Verruf geraten sind, weil sie ständig stören. Und so geben altgediente Lehrer ihren jungen Kollegen mit einem Augenzwinkern schon mal den Tipp, in diesen Klassen besser „nur mit Waffenschein“ zu unterrichten. Erschwerend kommt hinzu, was Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin herausgefunden haben: Jugendliche, die sich in der Schule daneben benehmen, können nämlich durchaus sogar Nutzen aus ihrem Verhalten ziehen. Sie gewinnen mit diesem Verhalten nicht selten an Ansehen und Durchsetzungskraft in der Klasse (siehe unten).
Auch Lehrer Schlu weiß um solche Mechanismen, warnt jedoch davor, zu glauben, das Problem sei gelöst, indem man den Störenfried einfach vor die Tür setze. Abgesehen mal davon, dass dadurch die Aufsichtspflicht verletzt wird: „Auf Dauer hilft das natürlich nicht. Vielleicht habe ich so als Lehrer mal drei bis vier Minuten Ruhe, aber dann sollte der Schüler ja auch wieder reingeholt werden“, sagt der 51-Jährige. Und mit der Quelle kommt dann auch meist die Unruhe wieder zurück in die Klasse. Schlu geht deshalb einen anderen Weg. Er will verstehen, warum seine Schüler stören – und sucht deshalb das persönliche Gespräch, auch außerhalb des Unterrichts. „Wir haben viele Kinder hier bei uns, die ihr Päckchen zu tragen haben“, weiß Schlu. Eine ausländische Schülerin etwa, die öfter im Unterricht auffällt, steht mit ihrer Familie vor der Abschiebung. Seit der Lehrer dies weiß, sieht er den Fall mit anderen Augen.
Stefan Schmöe vom Carl-Duisberg-Gymnasium in Wuppertal schätzt eher die „freundliche, aber verbindliche Aussprache“, wie er das nennt. Zudem gibt es an der Schule sogenannte Selbstbeobachtungsbögen, die notorische Unruhestifter nach jeder Stunde ausfüllen müssen. In ihnen sollen sie vermerken, inwiefern sie ihrer Meinung nach dem Unterricht gefolgt sind. Ergänzt wird diese Einschätzung dann vom Lehrer. Schmöe sieht in Strafen eher die ultima ratio, wobei er einräumt, dass eine Ermahnung oder Strafe natürlich auch eine gewisse abschreckende Wirkung auf die Klasse haben kann. Doch: „Man muss aufpassen, dass das nicht zu inflationär eingesetzt wird“, sagt der 41-Jährige. „Ich muss dem Schüler auch signalisieren, dass der Vorfall nach der entsprechenden Sanktion wieder vergessen ist“, sagt Schmöe. Denn wer weiterhin mit einem Schüler konstruktiv zusammenarbeiten möchte, dürfe nicht nachtragend sein.
Genauso achtet Schmöe darauf, einen Schüler nicht auflaufen zu lassen, wenn er ihn beim Unaufmerksamsein ertappt. „Man sollte den Schüler nicht vor der gesamten Klasse blamieren. Ganz im Gegenteil sogar, ich will ihn ja wieder einbinden“, so der Lehrer. Deshalb warnt er vor Sätzen wie „Wiederhole doch noch mal bitte, was Dein Vorredner gesagt hat“. Effektiver sei es, die eben verpasste Frage für den Schüler in etwas abgewandelter Form noch mal zu stellen. So erspart sich der Lehrer das Wiederholen des immer Gleichen und der Schüler bekommt eine Chance, wieder in den Unterricht einzusteigen. Wenn Schmöe auf eine Klasse trifft, in der viele Schüler sind, die gerne mal stören, dann arbeitet er wenn möglich mit Arbeitsblättern in kleinen Gruppen. „Dann sind meist alle Schüler beschäftigt, und zwar so, dass immerhin bei normalem Lärmpegel gearbeitet wird.“ Grundsätzlich ist Schmöe davon überzeugt, dass der Lehrer den Grad der Störungen beeinflussen kann. „Ich bin der Meinung, dass es sich auf die Klasse auswirkt, wenn ich als Lehrer ruhig und gelassen bin.“
Auch Eva Blumberg ist davon überzeugt, dass man Störungen präventiv begegnen kann, wenn der Unterricht entsprechend gestaltet ist. Das bedeutet für die Münsteraner Realschullehrerin, den Unterricht mit Schwung anzulegen und keine Pausen aufkommen zu lassen. Um die Schüler mitzunehmen, sei es auch wichtig, Programm und Ziel für die Unterrichtsstunde den Schülern zu Beginn transparent zu machen. Doch weiß auch sie, die jahrelang an der Universität gearbeitet hat, dort promoviert hat und jetzt im Schulbetrieb engagiert ist, wie groß die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis sein kann. Sie kennt eine ganze Reihe von Maßnahmen, die Lehrern an die Hand gegeben werden, um gegen Störenfriede vorzugehen. Zum Beispiel ein Instrument, das aus dem Fußball entliehen ist: die Gelbe und Rote Karte. Wer erstmals stört, bekommt die Gelbe Karte. Beim wiederholten Male sieht er dann „Rot“ und bekommt eine Sonderaufgabe aufgebrummt. Diese besteht aus einem Arbeitsblatt, auf dem der Schüler notieren soll, warum er gestört hat, was die Störung vielleicht bei anderen bewirkt hat und ob er sich mit dieser Störung nicht letztlich sogar selbst im Wege steht. Das Ganze muss dann von den Eltern abgezeichnet werden, um sie in Bezug auf das Arbeits- und Sozialverhalten ihres Kindes auf dem Laufenden zu halten. Zumeist stellt gerade das Informieren der Eltern dann eine unangenehme Aufgabe für den Störenfried dar.
Grundsätzlich ist Blumberg jedoch davon überzeugt, dass man eher gewünschtes Verhalten positiv verstärken sollte als ungewünschtes zu sanktionieren. Im Umgang mit jüngeren Schülern empfiehlt die Lehrerin, die auch schon an einer Grundschule tätig war, die „Sonnenstrahlen“- Methode: Dabei können Schüler während des Unterrichts eine vorher festgelegte Anzahl von „Sonnenstrahlen“ sammeln, die dann gegen eine Belohnung eingetauscht werden können – etwa einen Gutschein, der einmal von den Hausaufgaben befreit. Für weiterführende Schulen ließen sich dem fortgeschrittenen Alter der Schüler entsprechende Bonus-Systeme finden. Entscheidend sei: Die Kinder und Jugendlichen müssten erkennen, dass sie es mit ihrem Verhalten in der Hand hätten, wie viel von ihrer Freizeit für Schule abgezweigt werden müsse. Denn das wirke am besten.
Marc Raschke
Problematische Verhaltensweisen können sich für Schüler lohnen. Dies haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung herausgefunden. Schüler, die in der 7. Klasse bei einer Befragung eingeräumt hatten, oft absichtlich den Unterricht zu stören, zeigten sich bei einer erneuten Befragung drei Jahre später deutlich selbstbewusster: Sie nahmen eine stärkere Akzeptanz ihrer Klassenkameraden wahr. Fazit der Studie: „Unter Jugendlichen steigert die Missachtung des Lehrers oder das Stören eines langweiligen Unterrichts das Prestige.“
Schwierige Schüler – was tun?
Hans-Dieter Göldner (Hg.), Oldenbourg-
Verlag, 2007, 19, 80 Euro
Ein Ratgeber für die Unterrichtspraxis, der von einer Einführung in die Individualpsychologie, über Elternarbeit bis hin zu rechtlichen Fragen reicht.
Das aufmerksamkeitsgestörte
und hyperaktive Kind
Kurt Czerwenka (Hg.),
Beltz-Verlag, 2002, 19, 90 Euro
Ein auch für Laien verständlicher Überblick über die Arbeitsweise von Psychologen, Pädagogen und Kinderärzten mit jungen ADHS-Patienten. Praxisnah insbesondere für Lehrer.
Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen – Ergebnisse aus KiGGS www.kinderumweltgesundheit.de/KUG/index2/pdf/gbe/6180_1.pdf
ADHS bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS www.kinderumweltgesundheit.de/KUG/index2/pdf/gbe/6201_1.pdf
Leichter Einstieg in die Trainingsraum-Methode www.trainingsraum-methode.de/index.shtml