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Grenzen der Belastbarkeit

Lehrer sind oft auch als Sozialarbeiter gefordert. Die Lehrerin und Buchautorin Karin Brose zeigt auf, in welchen Fällen Hilfe von außen nötig ist.

„Ich bin schon froh, wenn ich in meiner 7. Klasse überhaupt mit dem geplanten Stoff landen kann“, klagt Lehrerin Anna Schmidt*. „An manchen Tagen komme ich nicht zum Unterrichten, weil ich damit zu tun habe, die Lerngruppe ‚beschulbar’ zu machen. Eine Belastung, die mich an meine Grenzen bringt.“ An vielen Schulen sind Pädagogen über ihre eigentlichen Aufgaben hinaus durch Sozialarbeit gefordert. Manche leisten für ihre Schüler sogar Familienersatz. Durch ihre idealistische Grundeinstellung laufen viele Lehrer Gefahr, sich nicht ausreichend abzugrenzen. Beispiele aus der Praxis sollen deutlich machen, ab welchen Punkten Hilfe von außen nötig ist.

Als ich Janosch*(11) anspreche, weil er im Winter ohne Strümpfe zur Schule kommt, behauptet er, ihm wäre immer so warm. Bei einem spontanen Hausbesuch gelange ich über Berge von Kleidung und Müll ins Wohnzimmer. Hier ist der Alltag aus den Fugen geraten. Die Frau benötigt dringend Hilfe. Ich zeige Verständnis für ihr anstrengendes Leben. Nach Stunden des Gesprächs ist sie aufgeschlossen und ich darf die sozialen Dienste einschalten. Eine erfahrene Sozialarbeiterin wird dieser Frau helfen, ihr Leben zu strukturieren.

Karin Brose: »Bei einem Hausbesuch gelange ich über Berge von Kleidung und Müll ins Wohnzimmer.«

Ahmed* (13) ist außer Kontrolle geraten. Wenn er nicht gerade in sich hineinkichert oder starr vor sich hinglotzt, provoziert er seine Lehrer auf unerträgliche Weise. Er gibt sich überheblich und lässt es täglich auf Machtproben ankommen. Seinem Deutschlehrer sagt er ins Gesicht, er habe „keine Eier in der Hose“. Als Ahmed eine dicke Rolle von Geldscheinen aus der Tasche zieht, beschließt sein Klassenlehrer, die Familie zu besuchen. Er weiß, dass Ahmed ohne Vater aufwächst und noch drei jüngere Geschwister hat. Die Familie lebt von staatlicher Unterstützung. Umso mehr wundert er sich, dass die Ötztürks* in einem neuen Einfamilienhaus wohnen. Ahmeds Mutter wirkt verschüchtert, schaut immer wieder zu Ahmed hinüber und gibt vor, nicht zu verstehen. Offenbar ist Ahmed mit seinen 13 Jahren der „Mann im Haus“. Während der halben Stunde des Lehrerbesuchs klingelt etliche Male sein Mobiltelefon. Er beantwortet die Anrufe äußerst geschäftsmäßig auf türkisch. Der Verdacht, Ahmed wickle Drogengeschäfte für „Onkels“ ab, liegt nahe und ist nicht ungefährlich. Der Klassenlehrer hat genug Mut, den Jugendschutz einzuschalten. Allein kann er als Lehrer eine solche Situation nicht bewältigen.

STOP

Immer häufiger kommt Lisa* unausgeschlafen zur Schule. Sie sitzt dann nur still da. Ihre Leistungen verschlechtern sich. Im Sportunterricht fällt der Lehrerin auf, dass Lisas Beine zerkratzt und wund gescheuert sind. Als sie Lisa darauf anspricht, nimmt das Kind allen Mut zusammen und erzählt von seinem Vater. Immer wenn die Mutter abends putzen geht, kommt er ins Kinderzimmer und missbraucht sie. Siebenjährige können sich nicht wehren, wenn der Vater sie auffordert, sich nicht so anzustellen oder behauptet, „das“ sei doch nur Kuscheln. Als Lisa mit ihrer Mutter darüber sprechen wollte, schrie diese sie an, sie solle bloß nicht lügen. Mit den Folgen ist das Kind allein. In Absprache mit dem Jugendamt sucht die Lehrerin Hilfe bei „Dunkelziffer“, einem Verein, der sich sexuell missbrauchter Kinder annimmt.

Karin BroseDie Hamburger Studienrätin und Autorin Karin Brose gibt Kollegen in ihrem neuen Buch „Survival für Lehrer“ (Vandenhoeck & Ruprecht, 16,90 Euro) Tipps fürs Überleben im beruflichen Alltag – manchmal augenzwinkernd, stets nützlich.

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