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Jeder siebte Schüler gilt als schwierig

Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche bedürfen besonderer Hilfen. Gefordert sind Gelassenheit und Konsequenz jedes einzelnen Pädagogen – und ein im Kollegium abgestimmter Fahrplan, wie mit Verfehlungen umgegangen wird und wie die Schule ihre Schützlinge motiviert.

Felix* schmollt. Weil der Neunjährige im Unterricht wild herumgealbert hat und sich nicht beruhigen ließ, musste er sich in den „Trainingsraum“ begeben. Hier sitzt er jetzt in Gegenwart eines Lehrers und soll sich darüber Gedanken machen, was er hätte anders machen sollen. Felix finsterer Blick verrät, dass ihm die rechte Einsicht dazu noch fehlt. Eine Viertelstunde – und ein eindringliches Gespräch – später hat sich das Gesicht des Jungen aufgehellt. Felix weiß jetzt, dass er das Recht seiner Klassenkameraden verletzt hat, ungestört arbeiten zu können. Er weiß auch, dass die Angelegenheit für ihn zunächst erledigt ist. Er hat eine „Eingliederungsvereinbarung“ unterschrieben, was seinem Versprechen, sich bessern zu wollen, zusätzliches Gewicht verleiht, und darf jetzt zurück in seine Klasse.

Nicht selten sind es Probleme zu Hause,

Im „Trainingsraum“, der bis zu vier Kindern Platz bietet, wird also Verhalten trainiert. Ohnehin versteht sich die Bonner Derletalschule, in der wir uns befinden, als Ort, an dem die Schülerinnen und Schüler in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung gefördert werden. Die Derletalschule ist eine Förderschule mit entsprechendem Schwerpunkt. Unterrichtet werden 107 Kinder, darunter 14 Mädchen, der Jahrgangsstufen eins bis sechs. „Wir bieten einen geschützten Rahmen, in dem die Kinder alles lernen, was sie fürs Leben brauchen“, sagt Schulleiterin Jutta Kaul. Und dazu gehören eben auch Regeln. Es gilt das Prinzip: „Ein Störer darf nicht bestimmen, was in der Schule geschieht.“ Die Lehrer müssten sich stets als Herren der Lage zeigen, betont die Schulleiterin. Konsequenz und Gelassenheit jedes einzelnen Pädagogen sind dafür nötig – und ein im Kollegium abgestimmter Fahrplan bei Verfehlungen. Der „Trainingsraum“ liegt etwa in der Mitte der möglichen Eskalationsstufen.

Im Vordergrund steht an der Derletalschule allerdings nicht die Strafe, sondern die Motivation. Es herrscht ein freundlicher und respektvoller Umgangston. Ob im Werkraum, im Psychomotorikraum, im Lehrschwimmbecken, im Schulgarten oder auf dem Bauspielplatz – den Schülern sollen Erfolgserlebnisse vermittelt werden. Gemeinsam mit den Eltern, die stark eingebunden werden. „Wir verstehen unsere Schule als Lern- und Lebensraum, in dem Kinder, die in anderen Schulen gescheitert sind, wieder lernen, sich wohlzufühlen“, sagt Schulleiterin Kaul.

Kurt Czerwenka, Erziehungs-wissenschaftlerKeine leichte Aufgabe bei dieser Ballung von Problemengeschichten: Für viele Kinder, die neu kommen, sind Aufmerksamkeitsdefizite und Kontrollverluste charakteristisch. Einige Jungen sind mehrmals sitzengeblieben. Andere haben zuvor drei Grundschulen durchlaufen. Kinder, die durch übersteigerte Aggressivität auffallen. Andere, die sich völlig zurückziehen. Kinder, die an narzisstischen Persönlichkeitsstörungen leiden. Traumatisierte Flüchtlingskinder, die ohne erkennbare Ursache außer sich geraten. Fast schon an ein Wunder grenzt es da, dass die Derletalschule es schafft, die Hälfte ihrer Schüler nach einiger Zeit an deren alte Schule zurückzuführen – mit guter Perspektive.

Schwierige Schüler gibt es nicht nur an Förderschulen. In allen Schulformen sind Lehrer mit einzelnen Kindern und Jugendlichen konfrontiert, die Lernoder Verhaltensstörungen aufweisen. In einer groß angelegten Studie ermittelte der Potsdamer Psychologie-Professor Uwe Schaarschmidt die größten Belastungsfaktoren für Lehrer in Deutschland: Vorne liegt – neben der Klassenstärke – das Verhalten einzelner schwieriger Schüler. Laut der KiGGS-Studie, einer repräsentativen Untersuchung des Robert-Koch-Instituts Berlin zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, liegen im Durchschnitt bei jedem siebten Anzeichen für eine Verhaltensstörung vor (vergleiche Grafiken Seite 8). Ist die Zahl der Problemfälle gestiegen? „Wir sind jedenfalls sensibler für Lern- und Verhaltensstörungen in der Schule als früher und haben mehr Antennen, Störungen zu orten“, meint Prof. Kurt Czerwenka, Leiter des Instituts für Schul- und Hochschulforschung an der Universität Lüneburg. Er forscht zum Thema. Die Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten seien vielschichtig, sagt er. So lasse Angst vor späterer Arbeitslosigkeit Eltern nicht unbeeindruckt, weshalb deren Erwartungen – insbesondere an die Disziplin – heute höher seien. Dazu komme bei vielen Kindern und Jugendlichen ein übermäßiger Konsum elektronischer Medien, der Anspannung erzeuge. Die wiederum finde in unserer modernen, sitzenden Gesellschaft kaum ein Ventil. Manche Eltern, vor allem aus den sozial schwächeren Bevölkerungsschichten, hätten zudem die Erziehung aufgegeben. Alles in allem kann das eine explosive Mischung ergeben. Eine Gemengelage, in der sich vor allem Jungen schwertun. Zumindest auf den ersten Blick. Bei ihnen komme es eher zu „Verhaltensexzessen“, berichtet Czerwenka. „Jungen fallen leichter auf und leiden weniger darunter. Mädchen fallen weniger auf, leiden aber mehr darunter.“

Was das für den Unterricht bedeutet, hat der Bildungsforscher in Schulen beobachtet. Danach gibt es Schülerinnen und Schüler, die andere (auch Lehrer) beleidigen, bedrohen, verächtlich machen oder psychisch beziehungsweise physisch attackieren. Andere ziehen sich zurück, signalisieren Unlust, träumen, schauen aus dem Fenster, zeigen sich gelangweilt. Eine dritte Gruppe von Problemschülern ist motorisch kaum zu bremsen: Solche Kinder laufen im Unterricht herum, sei es, um Freunde zu besuchen, sei es, um unerlaubt auf die Toilette zu gehen, sie toben durchs Klassenzimmer oder sitzen mal auf, mal unter dem Tisch. Schließlich gibt es jene, die gegen Gesprächsregeln verstoßen: Sie rufen dazwischen, wechseln plötzlich das Thema, machen unpassende Bemerkungen oder unterhalten sich laut mit ihrem Tischnachbarn.

„Wenn sie ein Lob hören, geht ihnen das Herz auf“:

„Steter Tropfen schafft den Lehrer“, weiß Czerwenka, dessen Institut auch Feriencamps für schwierige Schüler wissenschaftlich begleitet. Er rät Pädagogen, sich ein dickes Fell zuzulegen. Anders ausgedrückt: Lehrer sollten eine professionelle Distanz zum Unterrichtsgeschehen wahren. Im Privaten müsse ein Ausgleich her. Der Professor warnt Pädagogen auch vor der Illusion, es gebe im Umgang mit schwierigen Schülern eine einfache, stets wirksame Lösung, die die Probleme sofort bereinige. Gefordert sei vielmehr, so betont der Erziehungswissenschaftler, „ein gestuftes Vorgehen, das manchmal einen langen Atem benötigt“.

Quelle: Robert Koch-Institut Berlin: Dazu gehören laut Czerwenka:

1. gemeinsame Regeln Lehrer und Schüler sollten zunächst einmal ihre wechselseitigen Erwartungen klären. Dann ist gemeinsam zu beraten, welche Regeln gelten sollen und was bei Verstößen passiert.

2. ein professionelles Klassenmanagement Lehrer sollten sich auf mögliche Konfliktsituationen vorbereiten. Dazu gehört es, sich im Vorfeld über Problemlagen von Schülern bei Kollegen und Eltern zu informieren und eigene Verhaltensweisen zu reflektieren. Im Unterricht sollten Lehrer aufmerksam das Schülerverhalten beobachten und ihren Unterricht – etwa durch Wechsel der Unterrichtsmethode – daran anpassen.

3. pädagogische Maßnahmen Um Störungen entgegenzuwirken, sollten Lehrer über einen Katalog von pädagogischen Maßnahmen verfügen – einerseits positives Verhalten unterstützende, etwa durch Ermutigung, Punktevergaben oder Ritualisierung, andererseits negatives Verhalten sanktionierende, etwa durch klare Hinweise auf Unterlassung, durch möglichst funktionale Strafen sowie durch Auszeiten.

4. Aufbau sozial erwünschten Verhaltens Mit Hilfe von Zielvereinbarungen, Rückmeldungen und Selbstkontrollbögen, auf denen Schüler ihr eigenes Verhalten bewerten, lassen sie sich dann in einen „positiven Regelkreis in Eigenverantwortung“ bringen.

Dass mitunter dicke Bretter zu bohren sind, um schwierige Schüler für den Unterricht zu gewinnen, weiß auch Ingo Meyer, stellvertretender Leiter der Montessori-Hauptschule Hermannplatz in Düsseldorf. Dort gibt es eine so genannte BUS-Klasse, das Kürzel steht für „Betrieb und Schule“. In dieser Klasse sammeln sich, auch von anderen Schulen aus der Nachbarschaft, all jene Schüler, die mehrmals sitzengeblieben sind und kaum noch Aussichten auf einen Abschluss haben. Sie sollen mit Praktika fit für den Alltag gemacht werden.

Wie lassen sich 15- bis 17-Jährige zum Lernen motivieren, die mit der Schule scheinbar abgeschlossen haben? „Das Wichtigste ist die persönliche Bindung“, sagt Meyer, „ich muss die Schüler für mich gewinnen.“ Heißt konkret: sich für die jungen Menschen und ihre Probleme interessieren, sie ernst nehmen und nicht herunterputzen, ihnen aber klare Regeln aufzeigen – und Grenzüberschreitungen konsequent ahnden, etwa mit einem Bußgeld fürs Schwänzen (kann das Schulamt für Schüler ab 14 Jahre verhängen). Zweiter Schritt: Erfolgserlebnisse vermitteln. „Davon haben unsere BUS-Schüler in ihrer bisherigen Schulzeit nicht viele gehabt. Wir setzen Ziele, die erreichbar sind, sie aber auch nicht unterfordern. Wenn sie dann ein Lob hören, geht ihnen das Herz auf “, berichtet Meyer. So wächst mitunter bei den Schülern die Erkenntnis heran, dass Anstrengung sich lohnt. Im Schnitt jeden Dritten bringen Meyer und seine Kollegen sogar in eine Ausbildung oder zumindest auf den Weg hin zu einem Schulabschluss. „Wir sind froh um jeden einzelnen“, sagt Meyer.

Noch lieber ist dem Kollegium allerdings, wenn es gar nicht erst zu solchen Problemen kommt. Stichwort: Prophylaxe. „Berufsorientierung ist dabei ein ganz großes Thema“, sagt Meyer. Schüler, die eine Perspektive für sich sehen, fallen nicht so schnell aus ihrer Rolle. Darüber hinaus bewährt es sich an der Montessori- Hauptschule immer wieder, Problemschüler in die Verantwortung zu nehmen. „Wenn Schüler die Schule mitgestalten können, gehen die Aggressionen zurück“, weiß der Konrektor. Das beginnt beim Bemalen von Klassenwänden, geht über Patenschaften von älteren Schülern für jüngere, die Pflege der Schülervertretung, das Überlassen der (teuren) Veranstaltungstechnik an bestimmte Schüler bis hin zur Organisation von Schülerfesten. Meyer ist sich sicher: „Wir haben weniger schwierige Fälle, weil wir die Schüler mit ins Boot holen.“

Das gilt auch für die Vereinbarung von Regeln. Was in der Klasse gilt und was passiert, wenn die Grenzen überschritten werden, wird an Meyers Schule in der Regel zwischen Lehrern und Schülern abgesprochen – und notfalls auch vertraglich fixiert. Schüler der BUS-Klasse verpflichten sich beispielsweise mit ihrer Unterschrift zu Pünktlichkeit, regelmäßiger Teilnahme und aktiver Mitarbeit.

Und die Absprachen werden von den Schülern, den meisten jedenfalls, durchaus ernst genommen. Als Meyer einmal die Vertretung in der Klasse eines Kollegen übernahm, wunderte er sich über die Disziplinlosigkeit der Schüler. Die ließen sich zu Beginn der Stunde von der Anwesenheit des Konrektors nicht beeindrucken und unterhielten sich ungeniert weiter, trotz dessen streng vorgetragener Aufforderung, endlich Ruhe zu geben. Ein Schüler gab ihm den Hinweis, er solle doch mal den kleinen Gong, der auf dem Lehrertisch stand und den Meyer bis dahin kaum bemerkt hatte, benutzen. Pädagoge Meyer schlug den Gong. Und schlagartig war’s still in der Klasse. Dies war das zwischen dem Klassenlehrer und der Klasse vereinbarte Zeichen für den Unterrichtsbeginn. Meyer lacht, als er sich daran erinnert. Er sagt: „Manchmal kann’s so leicht sein.“

Arnd Zickgraf , Andrej Priboschek

Umfrage

»Wie gehen Sie mit schwierigen Kindern um?«

Annette Kast-ZahnAnnette Kast-Zahn

Psychologin und Erfolgsautorin aus Ratingen („Jedes Kind kann Regeln lernen“)

»Für schwierige Kinder gilt, was für jedes andere Kind auch gilt. Bei jeder Regel muss klar sein, was passiert, wenn es die Regel nicht einhält. Das kann eine Auszeit sein, eine Aufgabe, ein Streichen von Privilegien – das muss in jedem Fall klar definiert sein.«

Arnd RiemenschneiderArnd Riemenschneider

Amos-Comenius- Gymnasium, Bad Godesberg

»Immer öfter habe ich mit Schülern zu tun, die sich in den Vordergrund drängen, die undiszipliniert sind. Es fällt mir nicht immer leicht, dagegen ein Mittel zu finden. Manchmal hilft es, ihnen mehr Verantwortung zu übertragen.«

Britta StuckmannBritta Stuckmann

Widukind- Gymnasium, Enger

»Zu Beginn des Schuljahres stelle ich mit den Schülern Regeln auf, auf die ich während des Unterrichts verweisen und ihre Einhaltung einfordern kann. Das klappt gut.«

Was sind „schwierige“ Schüler?

Verhaltensauffällige Schüler: fallen auf durch Unhöflichkeiten, Regel-verletzungen und Nach-lässigkeiten.

Schüler mit Lernstörungen: dazu gehören Lernhemmungen und -behinderungen sowie Handycaps in unterschiedlichen Bereichen.

Schüler mit ADHS: sind unaufmerksam, impulsiv und hyperaktiv.

Emotional schwierige Schüler: oftmals traumatisierte Kinder und Jugendliche, die unter Ängsten und Minderwertigkeits- problemen leiden und bei denen aggressive oder antisoziale Impulse zu beobachten sind.

Schüler mit sozialen Störungen: fallen auf durch Misstrauen und fehlende Empathie, zeigen sich bindungslos und unfähig, sich einzuordnen.

Quelle: Prof. Dr. Kurt Czerwenka: „Umgang mit schwierigen Schülern – Erkenntnisse aus der Verhaltenspsychologie“, Vortrag vor der Konferenz „Starke Schule“ am 4. Mai 2009 in Berlin.

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